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Portrait

Seit über 60 Jahren veranstalten Neustadts Bürgerinnen und Bürger das europäische folklore festival auf ihrem großen Marktplatz, dem zweitgrößten in Schleswig-Holstein. Im Jahre 201 treffen sich zum 29. Mal Europäer aus allen Teilen des Kontinents, um hier miteinander friedliche Tage zu erleben. Die Tracht und die Musik bildet dabei den kleinsten gemeinsamen Nenner, der die Basis für diesen großartigen Veranstaltungsreigen stellt.

Entstehung

So unkompliziert uns heute diese Woche der europäischen und internationalen Begegnung erscheint - es war nicht immer so:

Große diplomatische Mühen, viel Energie und Einfühlvermögen waren damals, kurz nach dem zweiten weltumspannenden Krieg, notwendig, um diese Wochen des friedlichen Miteinanders ins Leben zu rufen. Im Frühjahr 1951 entwickelte der damalige Leiter der Neustädter Volkshochschule, Gerd Beier, den Gedanken, in Neustadt in Holstein eine Trachtenwoche durchzuführen.

Einzuladen seien hierzu Trachtengruppen aus Bayern, Hessen, Baden-Württemberg, Friesland sowie Gruppen, die schlesisches sudetendeutsches, ostpreußisches und pommersches Brauchtum pflegten. Gruppen also, die in Lied und Wort, Musik und Tanz, Menschen und Charakter ihre Heimat und Landschaft darstellen könnten. Bei diesem Treffen der Gruppen untereinander sollten keine künstlerischen Leistungen erzielt werden, sondern Laienspieler oder Volkstänzer sollten Heimatland und dessen Menschen in echter, schlichter und ausdrucksvoller Form sprechen lassen.

Anfänge

Über diese Gedanken und die hierin liegenden ideellen Werte hinaus war daran gedacht, dass die Veranstaltung gerade in den Sommermonaten mit dem Zustrom zahlreicher Feriengäste aus allen Teilen der Bundesrepublik Deutschland und insbesondere dem skandinavischen Ausland stark für Neustadt und das schöne Ostholstein werben würde. Überall im Bundesgebiet wurde die Idee begeistert aufgenommen und man sah in der Durchführung einer solchen Trachtenwoche ein echtes und wirksames Näherrücken der deutschen Menschen, die durch

  • das folgenschwere Nachkriegsgeschehen mit der Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen und
  • der neuen föderalistischen Länderaufteilung

das Bedürfnis hatten, wieder ein wenig mehr Gemeinsamkeit aller Deutschen zu spüren.

Die Idee fand auch innerhalb der Neustädter Bevölkerung und bei mannigfachen Organisationen, Verbänden und Vereinen starken Widerhall. Man sprach sich einmütig für die Durchführung einer Trachtenwoche aus und sagte von allen Seiten ideelle und materielle Unterstützung zu. Die ideelle Unterstützung sollte in Form ehrenamtlicher Mitarbeit und die materielle Unterstützung durch die Bereitstellung kostenloser Bürgerquartiere für die Aufenthaltsdauer in Neustadt bestehen.

Zur Verwirklichung wurde es notwendig, einen Träger zu finden, der vereinsrechtlichen Charakter besaß. Hierzu wurde der Verein „Europäische Trachtenwoche“ unter dem Vorsitz des damaligen Bürgermeisters Professor Haas gegründet und in das Vereinsregister eingetragen. Der Verein hatte nach seiner Satzung wiederum ein Kuratorium zu wählen, das in eigener Zuständigkeit die Trachtenwoche durchzuführen hatte. Diesem gehörten, neben zahlreichen ehrenamtlich tätigen Bürgern,

  • kraft Amtes der Bürgermeister,
  • Mitglieder des Magistrats und
  • Bedienstete der Stadtverwaltung

an. Die Aufgaben des Kuratoriums wie

  • Quartierbeschaffung,
  • Werbung,
  • Organisation,
  • Finanzen,
  • Programmgestaltung,
  • Gruppenbetreuung und
  • Pressearbeit

wurden jeweils nach Neigung ehrenamtlich übernommen.

1. Trachtenwoche 1951

Diese Organisationsformen sind geblieben. Sie haben sich bewährt und dem Kuratorium als verantwortlichem Träger in den 53 Jahren das Gelingen aller Festwochen gesichert.

Die erste deutsche Trachtenwoche wurde in der Zeit vom 4. bis zum 11. August 1951 durchgeführt. An ihr nahmen Gruppen aus Deutschland sowie als erste außerdeutsche Gruppe die Sing- und Spielgruppe der oberösterreichischen Lehrervereinigung aus Linz teil. Die Teilnehmer dieser Gruppe lösten im Kuratorium die Grundsatzfrage aus, inwieweit man künftig weitere außerdeutsche Gruppen einladen solle, um zu einer europäischen Folklorewoche zu kommen.

Es war der Wunsch der Deutschen, aus ihrer ersten sehr spürbaren Isolierung herauszukommen und zum Ausdruck zu bringen, wie sehr sie sich nach Gemeinsamkeit im europäischen Lebensraum sehnten. Und kein geringerer, als A. Paul Weber entwarf das Plakat für die erste Großveranstaltung nach dem Krieg auf dem Neustädter Marktplatz.

2. Trachtenwoche 1952

Die sehr positive Resonanz, die die erste Woche in der Öffentlichkeit fand, veranlasste das Kuratorium, schon rechtzeitig an die Vorbereitung der zweiten Woche zu gehen. Zuschüsse vom Land, Kreis und Stadt, sowie die Bereitstellung von Quartieren durch die Bevölkerung und die Hergabe von Spenden sicherten die Durchführung.

Wenn auch zunächst nur sechs Gruppen aus dem europäischen Ausland teilnahmen, so war doch der Anfang gemacht. Man war dankbar dafür, dass gerade Gruppen aus Nachbarländern, die doch zum Teil die deutsche Besatzung noch in schmerzlicher Erinnerung haben mussten, ohne Ressentiments als gute Freunde kamen. Sie wurden herzlich in unseren Bürgerhäusern aufgenommen, und zwischen ihnen und den übrigen deutschen Gruppen entwickelten sich Freundschaften, die teilweise noch heute bestehen. „Wer die Abschlussveranstaltung dieser ersten Europäischen Begegnung miterlebt hat, nahm die Überzeugung mit, dass eine gute Saat gesät war.“

Gruppen aus ganz Europa

In den fünfziger Jahren war der Wunsch nach einem friedlichen Europa und der Integration Deutschlands ungemein größer. Die großen Machtblöcke „Ost“ und „West“ hatten sich noch nicht etabliert, wie wir es in den darauffolgenden fast 40 Jahren erleben mussten.

Noch gab es die Möglichkeit, eine Gruppe aus Parchim in Mecklenburg und Harsleben im Ostharz in Neustadt als Gäste zu begrüßen. Doch nach 1957 waren alle Bemühungen umsonst, bis 1991 erstmalig wieder die Thüringische Flagge auf dem Neustädter Marktplatz etwas ganz Neues signalisierte.

Zwischenzeitlich waren die Bemühungen des Kuratoriums verstärkt, Europa nicht an einer Zonengrenze oder einem westlichen Einflussbereich enden zu lassen. Und man stellte sich den Auftag, „dass das Ziel der Neustädter Begegnungen und der Auftrag erst erfüllt sei, wenn alle Länder Europas mit einer Gruppe vertreten gewesen waren.“ Und so kam es, dass im Jahre 1955 erstmals eine jugoslawische Gruppe aus Belgrad nach Neustadt reisen konnte.

Wie erstaunt war damals das Auswärtige Amt in Bonn, dass hierzu das Kuratorium keine Genehmigung eingeholt hatte und dass es trotzdem so einfach und unbürokratisch gelungen war, derartige Verbindungen über diese Grenzen hinweg zu schaffen. Wenn zunächst auch noch etwas zurückhaltend, gewannen diese jungen Jugoslawen schnell die Herzen der Neustädter und der vielen tausend Zuschauer.

1956 folgte aus Ljubljana in Slowenien die Gruppe „France Marolt“, die danach besonders häufig gern gesehener Gast der Neustädter Wochen war.

Jede Gruppe war für sich in ihrer Gestaltung und Aussagekraft eine Einheit. Sie alle spiegelten europäische Volks- und Kulturzusammenhänge in zeit- und lebensnahen Formen so sinnvoll wider, dass das Kuratorium als verantwortlicher Träger der Festwochen stets in seiner Auffassung bestärkt wurde, weiterzumachen. Hier bestätigte die Jugend Europas sowohl den westlichen als auch den östlichen Staats- und Gesellschaftsformen, dass das in Jahrhunderten enstandene und gepflegte Volkstum heute noch echtes Fundament staatlichen und zwischenstaatlichen Lebens ist und bleiben wird. Es hat sich heute als unabhängig von politischen Auseinandersetzungen und Systemen ohne Störung behauptet.

Osteuropäische Gruppen

So gesehen und von den Gruppen auch so empfunden, wird es verständlich, dass die in den nachfolgenden Jahren nach Neustadt kommenden weiteren osteuropäischen Gruppen aus

  • der Tschoslowakei,
  • Ungarn,
  • Bulgarien,
  • Polen,
  • Rumänien und
  • der UdSSR (1972)

sowie aus der Türkei und Griechenland sehr schnell guten Kontakt zu der Bevölkerung, insbesondere aber mit allen jeweils anwesenden Gruppen erhielten.

Verleihung der Europafahne

Zwischenzeitlich waren einige Nationen bereits mehrfach in Neustadt vertreten. Selbst aus dem fernen Grönland waren 1981 Gäste angereist. Und immer wieder wurden Freundschaften geschlossen, die teilweise schon über drei Generationen hinweg Bestand haben.

1969 erhielt die Stadt Neustadt in Holstein daher für ihre Bemühungen vom Europarat die Europafahne verliehen und darf sich somit Europastadt nennen.

Die Neustädter Trachtenwoche wurde zur „Mutter“ vieler ähnlich gelagerter Festivals in ganz Europa. Auch die Gründung der CIOFF, die internationale weltweite Vereinigung der Folklorefestival-Veranstalter, ist mit auf Impulse aus Neustadt zurückzuführen.

Rhythmus

Ab 1960 wurden die Neustädter Volkstums- und Trachtenwochen nicht mehr alljährlich durchgeführt. Dies ergab sich aus der Einsicht des Kuratoriums, dass durch die jährliche Folge die Bevölkerung, aber auch

  • das Land Schleswig-Holstein,
  • der Kreis Ostholstein und
  • die Stadt Neustadt in Holstein

als unterstützende Körperschaften jeweils durch die Zuschüsse, Spenden und Freiquartiere nicht überbeansprucht werden dürfen.

Auch die teilnehmenden Gruppen, die nach eigenen Angaben der Neustädter Woche vor anderen Begegnungen in Europa den Vorzug gaben, mussten entlastet werden; darüberhinaus sollte die Woche durch zu kurze Intervalle nicht an Wert verlieren.

Aktuell wird die Trachtenwoche alle drei Jahre durchgeführt.

Schirmherrschaften

Die Bedeutung der Trachtenwoche wurde in der Vergangenheit durch die Übernahme der Schirmherrschaften von Landes-, Bundes- und Europapolitikern unterstrichen.

Ranghöchste Schirmherren waren die Bundespräsidenten

  • Prof. Dr. Karl Carstens 1981,
  • Dr. Richard von Weizsäcker 1985 und
  • Johannes Rau 2001.

Der „kalte Krieg“ ist Geschichte und dennoch die Trachtenwoche aktuell wie eh und je. Der Zuwachs neuer Staaten in Osteuropa ist ein Grund, warum unser Auftrag noch nicht erfüllt ist.

Ein weitaus wichtigerer ist leider auch die traurige Tatsache, dass es immer noch Konflikte zwischen einigen Volksgruppen gibt. Daher gilt es für uns Neustädter, den Auftrag neu zu formulieren. Weil es gerade die Tracht ist, die Respekt und Verständnis füreinander geben kann und weil es die Musik ist, die grenzüberschreitend zu Freude und Tanz aufruft. Beides wird weiterhin der kleinste gemeinsame Nenner bleiben, auf den sich alle Europäer zu jeder Zeit verständigen können.

Die Neustädter Trachtenwoche in Form des europäischen folklore festivals wird, sie muss fortbestehen.

Umbenennung

Seit dem Jahr 2004 nennt sich die gute, alte Trachtenwoche nun „europäisches folklore festival“.

Mit der Umbennnung will das Kuratorium bewusst jünger, moderner erscheinen. Das Wort "Tracht" verbanden die meisten - vor allem jungen - Menschen immer weniger mit dem eigentlichen Auftrag des Festivals, Frieden in Europa zu stiften.

Auch durch diese Umbenennung erlebt das „europäische folklore festival“ wieder größeren Zuspruch in allen Bevölkerungskreisen.